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Die Schreib-AG von Frau Bolduan hat dieses Jahr zum ersten Mal einen Schreibwettbewerb ausgeschrieben. Die TeilnehmerInnen sollten sich aus vorgegebenen Satzanfängen einen heraussuchen und dazu einen Text schreiben. Wir haben viele tolle Texte erhalten und uns mit großer Freude ausgiebig mit ihnen beschäftigt. Am 19. April fand die Preisverleihung statt.

2018 06 10 schreibwettbewerb 01

Die Gewinner sind:

  1. Platz: Stina Fisahn, 10F3 mit dem Text "Nordlichter"
  2. Platz: Emma Luf, 5B3 mit dem Text "Lina und Fino"
  3. Platz: Kim Sagkob, 9A2 mit dem Text "Gefallen"2018 06 10 schreibwettbewerb 02

(von links) Emma Luf, Stina Fisahn, Kim Sagkob

Die Siegerin bekam einen Büchergutschein, die Zweite und Dritte einen Gutschein über vier bzw. fünf Kugeln Eis. Für alle anderen Teilnehmer gab es Trostpreise. Die Gewinnertexte wurden auf der Preisverleihung von Schülerinnen aus der AG vorgelesen, die sich besonders hierfür vorbereitet hatten.

Wir danken allen TeilnehmerInnen für ihre Einsendungen und hoffen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Die Beiträge finden Sie hier:

 

Nordlichter

Gefallen

Samtpfote

Hohoho!

Für dich in Flammen

Rosamunde und ihr edler Ritter

Bis deine Schwester uns scheidet

Eine Tafel Schokolade

Flammentanz

Nur Kekse habe ich vermisst

 

Nordlichter

Und doch hatte er es getan. Ich konnte es nicht fassen. Wo ich ihn doch quasi auf Knien angebettelt hatte! Mir wäre fast das Glas mit Orangensaft aus der Hand gerutscht. Erst wurde mir heiß und dann eiskalt. Und auf einmal war ich nur noch furchtbar wütend. Der Orangensaft schwappte über den Rand und hinterließ nasse Flecken auf der Zeitung, als ich das Glas auf die Arbeitsfläche der Kücheninsel knallte. Mit großen Schritten stürmte ich in den Flur und wühlte mich auf dem Telefontisch durch sämtliche Lernutensilien. Triumphierend zog ich das Telefon hervor. Auf dem Rückweg begegnete ich Lilli, meiner Mitbewohnerin, und im Vorbeigehen fluchte ich über die „beknackte Pissnelke“.

Lilli sah noch ziemlich verpennt aus, in ihrem Pinguin-Onesie und den abstehenden Haaren, aber wie ich so an ihr vorbeirauschte, riss sie erschrocken die Augen auf. Sie hatte sich aber rasch wieder im Griff und war erstaunlich schnell hinter mir aufgetaucht und hatte mir das Telefon aus der Hand gerissen. „Woah, Mel! Du siehst aus als würdest du gleich einen abschlachten wollen! Komm mal runter! Was ist denn passiert?“ Wortlos hielt ich ihr die Zeitung unter die Nase.

„Dein Bruder? Was… Ach du Scheiße. Er verhökert Antiquitäten. Na und? Deshalb musst du doch nicht gleich so ausrasten.“

„Das sind nicht irgendwelche Antiquitäten. Das sind meine Antiquitäten. Eigentlich die meiner Mutter. Ich sollte sie erben. Aber dann ist sie gestorben, ich landete im Knast und mein werter Herr Vater hat mich enterbt, wegen der angeblichen Schande, die ich über die Familie brächte. Das hat noch nie irgendwen gejuckt! Und jetzt gehört der Krempel meinem raffgierigen Bruder, der ihn zu niedrigen Spottpreisen verramscht Er hat keine Ahnung was er wirklich wert ist und außerdem…“, hier musste ich einmal tief Luft holen, „außerdem habe ich mit ihm ausgemacht, ihm die Sachen abzukaufen. Und sie mir vorher ansehen zu können.“

Das klang jetzt vielleicht krass, aber so schlimm war das gar nicht. Ich in meiner 17-jährigen Weisheit hatte beschlossen, nach dem Tod meiner Mutter, in eine Straßengang einzutreten. Irgendwann wurde ich dann bei einem `Routine-Job´ (wir haben nur einen Kiosk ausgeräumt!) erwischt. Es war auch kein Knast, eher ein Heim für schwierige Jugendliche oder so. Der Punkt war aber, dass, wie gesagt, mein Vater ein Spießer war, der sich die Hosen mit der Kneifzange anzog. Er hat mich kurzerhand vor die Tür gesetzt. Normalerweise wäre mir das alte Zeug echt egal gewesen. In diesem Fall jedoch ging es nicht nur um das meiner Mutter, sondern auch um das, was sie aus mehreren Generationen vererbt bekommen hatte. Einige, sagen wir spezielle, außergewöhnliche Sachen. Zum einen gab es da den wundervollen weißen Flügel (Dessentwegen hatte ich überhaupt erst mit dem furchtbaren Klavierunterricht angefangen). Außerdem war im Korpus unter einer Geheimklappe ein Bündel mit Briefen und Notizbüchern versteckt. Von meiner Uroma. Die wollte ich schon als Kind lesen, aber meine Mutter hatte mir den Schlüssel erst auf dem Sterbebett überreicht. Und dann gab es da noch diese schöne Schmuckschatulle, mit den Gold- und Silberketten, den Perlengestecken und Edelsteinohrringen. Der materielle Wert war unwichtig für mich, sie sahen schön aus. Zu guter Letzt lag mir noch die alte Aussteuerkiste am Herzen, ebenfalls von meiner Uroma. Gefüllt mit lauter altmodischem Kram, mit dem ich als Kind gerne gespielt hatte. Es ging mir hauptsächlich um diese drei Sachen, ich war eine sehr neugierige Person. Und mein Bruder, der Idiot, hatte in der Zeitung ganz groß eine Versteigerung angekündigt. Verräter. Wie man sicher gemerkt hatte, wies mein Gestotter einige Fehler auf und war auch sonst ziemlich unverständlich. Aber ich war wütend und hatte keine Lust mich mit Einzelheiten aufzuhalten. Zudem wusste Lilli als meine beste Freundin einiges von der ganzen Geschichte. „Hmm… Hast du das eigentlich mal gelesen?“, fragte sie mich. Nein, hatte ich nicht. „Da steht, dass die Versteigerung schon am Mittwoch stattfand. Er wird nur gelobt und bekommt eine Urkunde, weil er so viel von den Einnahmen gestiftet hat. Für die Erhaltung von…“

 „Was?!“, unterbrach ich sie. Ich hatte Lust irgendwas kaputt zu machen. Oder einfach zu schreien.

„Hey, sag mal, ist das nicht der super Flügel da auf dem Foto? Und ein hässliches Diamantencollier.“ Ja. Ich hätte jetzt wirklich gerne etwas kaputt gemacht. Mit einem Baseballschläger. Oder einer Stachelkeule. Lilli legte die Zeitung zurück auf die Arbeitsfläche, ging zum Kühlschrank und stopfte sich ein Stück der Schokosahnetorte vom Vortag in den Mund. „Das ist ja blöd gelaufen“, sagte sie, drehte sich um und schlurfte zur Tür hinaus. Da platzte mir der Kragen und ich fing an hinter ihr her zu zetern, meinen Bruder zu verfluchen und gegen die Kücheninsel zu treten. Dabei fielen mir erstaunlich kreative Schimpfwörter ein. Ein bisschen außer Atem, aber etwas weniger geladen hatte ich mich fünf Minuten später wieder unter Kontrolle und fing an zu überlegen, was ich denn jetzt tun sollte. Als mir schließlich wieder einfiel, wieso ich so früh aufgestanden war, trat ich noch ein letztes Mal fest gegen die Kücheninsel und machte mich dann humpelnd auf den Weg zu meinem Vorstellungsgespräch. Das mit dem Treten war im Nachhinein keine so gute Idee gewesen.

Ich glaubte nicht, dass man mich nehmen würde. Ich hampelte auf meinem Stuhl herum, da ich von meinem Problem abgelenkt war. Auf dem Rückweg, im Bus, musste ich daher als Beruhigung Claire de Lune in Dauerschleife hören. Zuhause, Lilli trug immer noch ihren Schlafanzug, machte ich mich daran, bewaffnet mit Stiften und Papier, aus der Assistentin meines Bruders herauszuquetschen, an wen welche Stücke verkauft worden waren. Der Flügel ging an einen seriösen Reichen. Den Schmuck konnte ich vergessen und die alte Aussteuerkiste hatte ein Hobby-Historiker ersteigert. Bei dem hatte ich wohl die besten Chancen. Ich fuhr also hin. Tatsächlich war dieser Historiker jünger als erwartet. Etwa in meinem Alter, schätzte ich, so um die 25. Nachdem ich ihm die Geschichte (meine harmlose Version von wegen wichtiges Erinnerungsstück, großes Missverständnis usw.) erklärt hatte, sah er zwar ein bisschen enttäuscht aus, war aber sofort bereit, die Truhe wieder herauszurücken. „Du kriegst natürlich dein Geld zurück“, meinte ich und weil ich ihn irgendwie süß fand (er hatte mir direkt das Du angeboten und  er hieß Hektor) und weil er nett wirkte, setzte ich hinzu: „Und wenn du willst, können wir uns sie ja gemeinsam angucken.“ Er strahlte und ich hatte das Gefühl, er wäre mir am liebsten um den Hals gefallen. Hektor erzählte viel davon, wie er früher immer mit seinem Vater ausgezogen war um Schätze zu suchen.

 „Du magst also Abenteuer?“, fragte ich mit einem listigen Hintergedanken. Mir schwante nämlich, dass der Typ, der jetzt den Flügel besaß, ihn nicht einfach hergeben, geschweige denn, mich überhaupt hineinlassen würde, und nach der Stunde, die ich mich jetzt schon bei Keksen mit Hektor unterhielt, dachte ich mir, er wäre der perfekte Komplize (Was? Ich erwähnte doch bereits, dass ich ihn mochte, er war interessant. Und warum sollte ich ein Keksangebot ausschlagen?). Jedenfalls antwortete er: „Ich liebe Abenteuer!“

 „Hast du Lust mir zu helfen ein Bündel Briefe aus einem Flügel zu klauen?“ Mit der Tür ins Haus zu fallen war schon immer meine bevorzugte Taktik gewesen. Hektor blinzelte perplex, doch nach einer ausführlichen Erklärung war er hellauf begeistert und begann auch sogleich, einen Plan zu schmieden. Und der sah in etwa so aus: Wir sollten uns als renommierter Flügelauskenner (den Fachbegriff hatte ich längst wieder vergessen) und seine Assistentin ausgeben, die einen Artikel über den Flügel schreiben wollten, der in einem (angeblich) sehr bekannten Fachmagazin erscheinen sollte. Hektor wollte den Reichen solange ablenken, wie ich brauchte, das Bündel in meinem Rucksack verschwinden zu lassen. Dann würden wir selber verschwinden.

Das war der Plan und als wir vor der Villa des Mannes standen, bekam ich Lampenfieber. Aber es funktionierte wie am Schnürchen, nach nicht einmal fünfzehn Minuten saßen wir wieder in Hektors VW Golf und gaben uns übermütig einen High-Five. „Yeah!“, rief ich laut und streckte beide Fäuste in die Luft.

 Gegen halb vier war ich Zuhause, halb verhungert schleppte ich mich ins Wohnzimmer. Lilli saß auf dem Sofa und sah fern. Zum Glück hatte sie Sandwiches gemacht. Wir pflanzten uns aufs Sofa, vor uns die Truhe, auf dem Schoß die Sandwiches. „Mach auf“, forderte ich und warf ihr den Schlüssel zu. Und was wir alles fanden! Zwei alte Nachthemden, eine Harry-Potter-Brille ohne Gläser, Kochbücher, -löffel, -töpfe und Pfannen, ein Service aus edlem Porzellan, ein Buch über einen Geheimbund, den ich nicht kannte (Google übrigens auch nicht), ein Kistchen voller Hühnerknochen (wirklich ekelhaft), ein Einweckglas mit toten Schmetterlingen (sehr alt), bei denen Lilli würgen musste und (im Ernst!) eine Kristallkugel, die in ein grünes Samttuch eingeschlagen war („Alter! Im Mittelalter hätte man deine Uroma verbrannt!“- Kommentar von meiner reizenden Mitbewohnerin/Freundin). Nachdem wir uns durch diese seltsamen Dinge gewühlt hatten, machten wir uns daran, die Briefe zu lesen. Manche waren von heimlichen Verehrern und andere waren wiederum von Kollegen, wenn man die so nennen konnte. Es ging um diesen Geheimclub, dessen Buch wir gefunden hatten. Diese Briefe waren nicht so lustig zu lesen, mir lief es bei manchen Passagen kalt den Rücken hinunter. Mit welcher Kaltblütigkeit sie schrieben, wie sie an ein bestimmtes Objekt heranzukommen gedachten. Wir saßen Stunden über diesen Briefen, bis wir einschliefen, mit halb gegessenen Sandwiches und dem aufgeschlagenen Buch in der Hand.

Geweckt wurde ich um viertel vor elf, es war Sonntag, nach einer viel zu kurzen Nacht. Und dann nicht einmal vom einfallenden Sonnenlicht, sondern von einfallendem Besuch. Bestehend aus meinem Brüderchen. „Was fällt dir eigentlich ein?!“, schrie er mich an.

Hallo? Ging´s noch? Ich schreckte hoch und stieß mir meine sowieso schon lädierten Zehen an einer Ecke. „Verdammt! Was? Wieso eigentlich bei mir? Du bist hier der Bösewicht in der Geschichte!“, mein Konter fiel erwartungsgemäß lächerlich aus. „DU hast gesagt, ich kriege den Kram! Das haben wir so ausgemacht! Ich wollte es dir sogar bezahlen! Also, was fällt DIR eigentlich ein?! Du Abmachungsbrecher!“. Immer noch schlecht.

„Ha, das ist doch lächerlich…“, konnte mein Bruder etwa Gedanken lesen? „…Als ob du dir das leisten könntest! Und das Collier hätte dir nicht gestanden.“ Das stimmte, das protzige Diamantenteil fand ich immer schon hässlich und hatte es abgehakt, ohne eine Träne zu vergießen. Jedoch, wenn er mich provozierte… „Ach ja? Woher willst du das wissen? Du interessierst dich nicht für mich, hast du noch nie, was kümmern dich dann die Sachen, die ich mache? Du bist nicht involviert, also halt dich gefälligst auch heraus.“ Ich war mächtig stolz auf diese Formulierung, aber der ach so tolle Kerl mit seinen Bügelfaltenhosen grinste bloß selbstgefällig. Das brachte mich jedes Mal zur Weißglut.

 „Hoffentlich bezahlst du ihn wegen der alten Kiste. Ich will mich nicht darum kümmern müssen, wenn du wieder kein Geld hast und bettelnd angekrochen kommst.“ Oh, ich wäre bei diesem Satz fast explodiert. Aber ich schaffte es, mich zusammenzureißen und würdevoll zu antworten. „Lass das mal meine Sorgen sein. Und jetzt raus aus meinem Haus.“ Er verzog noch einmal spöttisch den Mund, bevor er dann auf dem Absatz kehrt machte und zur Haustür hinaus verschwandt.

Puh. Das wäre geregelt. Und gleich nach dem Frühstück (Kartoffelsalat und kalte Frikadellen) rief ich Hektor an. Lilli und ich gaben uns die größte Mühe, ihm verständlich und sehr genau zu erklären, was Thema war und was wir schon alles herausgefunden hatten. Es dauerte ziemlich lange, aber wir schafften es. Der Geheimbund, über den wir das Buch hatten, wurde in den Briefen und sonst auch nur der `Club´ genannt. Die Mitglieder kümmerten sich wohl schon seit Jahrhunderten um die Suche nach einem Edelstein, genauer gesagt, zwei Edelsteinen, die ungefähr die Größe und Form von Hühnereiern hatten. Sie sollten ziemlich selten und somit auch ziemlich wertvoll sein. Sie waren farblich im grün-türkisen Bereich, was sich, je nach Lichteinfall, ändern konnte. Außerdem waren beide von dunkelblauen Linien durchzogen. Wegen dieses Aussehens wurden die Steine `Nordlichter´ genannt. Der `Club´ war irgendwann im Mittelalter gegründet worden, nachdem die Edelsteine zum zweiten Mal gestohlen worden und nicht mehr auffindbar waren. Ursprünglich stammten sie aus einer Tempelanlage im Himalaya, aus der man sie eigentlich geraubt hatte. Die Steine wanderten vom russischen Zarenhof zu Adelshäusern in Europa, unter anderem in Italien und Frankreich. Der `Club´ ging jedem Hinweis nach, und über die Jahrhunderte hatten sich eine beachtliche Menge an Informationen angesammelt, doch nie wurden die `Nordlichter´ gefunden, obwohl praktisch halb Europa undercover auf der Suche war. Meine Uroma war, wie es schien, ein Mitglied der letzten Generation gewesen. Lange nicht so überzeugt, so besessen, wie manch anderer. Was das mit den Schmetterlingen und den Hühnerknochen zu bedeuten hatte, darauf konnten wir uns keinen Reim machen.

Mit Feuereifer machten wir uns daran, die Briefe, die Informationen aus dem Notizheft und das Buch, alles was wir hatten, zu durchforsten und auszuwerten. Klar, dass einen bei so einer Schatzsuche das Abenteuerfieber packt. Wir stellten uns vor, wie toll es doch wäre, diese Edelsteine zu finden. Aber irgendwann war die Luft raus. Nach Stunden voll langer, mühsamer Arbeit waren wir keinen Schritt voran gekommen. Es war zermürbend. „Es muss irgendwelche Hinweise geben“, meinte Lilli frustriert.

„Naja, wenn der `Club´ es in hunderten von Jahren nicht geschafft hat, diese Nordlichter-Steine zu finden, warum sollten wir es hinbekommen? Ich denke wirklich nicht, dass wir noch etwas herauskriegen“, stellte Hektor fest. „Es MUSS Hinweise geben! Wir übersehen nur etwas“, sagte Lilli. Ich hatte mich im Laufe der Diskussion auf die Kücheninsel gesetzt und futterte Quiche mit Pfifferlingen, während ich gedankenverloren Uromas Kristallkugel auf der Arbeitsplatte drehte und in Richtung Kühlschrank ins Nichts starrte. Was dann passierte war eigentlich ein Witz. Mir fiel ein Stück von der Quiche herunter und ich wollte es auffangen, dabei rutschte ich von der Arbeitsfläche und landete mit der Nase voran auf dem Boden (in die Essensreste, war ja klar) und die Kristallkugel machte ebenfalls einen Abgang. Es krachte laut und Glassplitter rutschten über den ganzen Boden, als sie in tausend Teile zersprang. Hektor und Lilli waren synchron aufgesprungen und schauten, total aus dem Konzept gebracht, zu mir herüber. Das „Was zum Teufel?“ und „Heilige Scheiße!“ von ihnen kam zeitgleich mit meinem „Aua, so ein Mist!“. Vorsichtig rappelte ich mich auf und blickte auf die zerstörte Kugel. Dann stutzte ich und bohrte einen Finger in den Scherbenhügel. Ich schob alles ein bisschen herum, bis das zum Vorschein kam, was in der Kristallkugel eingeschlossen war. „Wie hat die alte Schachtel das denn geschafft?“, murmelte Lilli.

„Keine Ahnung.“ Fassungslos starrten wir alle in das Meer aus Splittern und Scherben. Denn genau in der Mitte lagen zwei hühnereigroße, türkisgrüne Steine.

von Stina Fisahn

 

Gefallen

Der Wind rauscht an mir vorbei - wie schön es doch war zu fallen, fast wie fliegen. Ich schlage auf die Wasseroberfläche auf und merke, wie ich langsam ersticke. Dann sehe ich für einen kurzen Moment Schwarz. Ich öffne die Augen und stehe wieder auf der Brücke. Als ich hinunter blicke sehe ich den Schatten meines Körpers langsam verschwinden, ich schreie, es scheint mich jedoch niemand zu hören. Ich gehe vorsichtig den Gehweg entlang, wobei ich versuche, niemanden anzurempeln, doch diese Menschen sehen mich womöglich gar nicht. Ich bleibe stehen, mitten auf dem Gehweg und es ist, als wenn die Menschen durch mich hindurchgehen.

Langsam schlendere ich zu dem Haus meiner Eltern, sie wissen anscheinend noch nichts, denn sie tanzen glücklich durch das Wohnzimmer, wie sie es oft tun, wenn jemand Geburtstag hat. Heute wäre mein Geburtstag gewesen, in ungefähr einer Stunde wären sie zu mir gekommen und hätten festgestellt, dass ich nicht zu Hause bin.

Plötzlich hören die beiden auf zu tanzen. Mein Vater geht aus dem Zimmer, während meine Mutter sich auf den schönen Sessel setzt, um den ich sie immer beneidet habe. Mein Vater kommt mit einem Polizisten wieder ins Wohnzimmer. Abrupt steht meine Mutter auf. Ich sehe wie der Polizist anfängt zu reden, höre jedoch nicht, was er sagt. Als er fertig ist, sehe ich wie meine Mutter auf den Boden sinkt. Ich gehe, weil ich mir das nicht ansehen kann.

So schlendere ich weiter durch die Stadt und irgendwann fange ich an, mich frei zu fühlen, jedoch auch einsam. Ich gehe zu meiner Wohnung, in der ich mit meinem besten Freund wohne, er ist noch bei der Arbeit, so wie jeden Montag um diese Uhrzeit. Jedoch müsste er bald nach Hause kommen und wie an jedem meiner Geburtstage bringt er mir ein Buch aus der Buchhandlung mit, in der er arbeitet. Ich setze mich auf die Stufen, die zu unserer Dachgeschosswohnung führen, in der wir jetzt schon mehr als ein Jahr wohnen. Wir haben uns in einer Kneipe kennengelernt, als wir uns beide wegen Exfreund bzw. Exfreundin besoffen hatten, also haben wir beschlossen zusammen zu saufen. Dann haben wir festgestellt, dass wir auf dieselbe Schule gehen und wir haben uns auf Anhieb  gut verstanden. Nach einiger Zeit haben unsere Eltern beschlossen, dass es für uns beide Zeit sei auszuziehen. Da wir uns beide keine eigene Wohnung leisten konnten, sind wir zusammengezogen und haben uns die Miete geteilt.

So sitze ich da und warte, ich weiß nicht wie spät es ist. Jedoch sitze ich hier bestimmt schon eine Stunde und langsam glaube ich, dass meine Eltern ihn angerufen haben. Ich stehe aber nicht auf. Ich habe das Gefühl, dass ich das gar nicht kann. Nach ungefähr zwei Stunden höre ich Schritte auf der Treppe, sie werden immer lauter. Alexander, oder wie ich ihn nenne Alex, taucht auf, mit Augen, die aussehen, als habe er gerade geweint. Meine Eltern haben ihn also angerufen. Er hat ein Buch in der Hand, er war also schon auf dem Weg nach Hause, als ihn die Nachricht erreichte.

                                      

                                                           -1-               

Alex betritt die Wohnung und bevor er die Tür hinter sich schließen kann, schlüpfe ich hinein. Auf dem Tisch in der Küche hatte ich ihm einen Brief hinterlassen. Er bemerkt den Brief fast sofor,t er kann jedoch nicht die Kraft aufbringen, diesen sofort zu lesen. Zuerst nimmt er sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Das ist mein Alex, denke ich und muss in mich hineinlächeln. Dann setzt er sich an den Tisch und nimmt vorsichtig den Brief in die Hand, als hätte er Angst dieser könnte zu Staub zerfallen.

          Lieber Alex,

ich weiß wirklich sehr zu schätzen was du die ganzen Jahre über für mich

getan hast, denn du warst der einzige, der etwas gegen meine ganzen Schmerzen getan hat. Alle anderen haben das immer nur als Phase abgetan.

Du aber hast an mich geglaubt, dafür bin ich dir so unendlich dankbar.

Sicher fragst du dich, warum ich nicht mit dir darüber geredet habe, dass alles schlimmer geworden ist. Ich wollte dich nicht damit nerven, zumal du dich gerade von deinem Freund, deiner großen Liebe, getrennt hattest.

Es tut mir furchtbar leid.

Deine Glas,

erinnerst du dich, so hast du mich früher immer genannt. Du sagtest immer, ich sei deine Prinzessin aus Glas.

Ich sehe, wie ihm Tränen in die Augen steigen und doch liegt ein Lächeln auf seinen Lippen. Er erinnert sich also.

Er trinkt noch viele Biere, bis er langsam und leicht schwankend in mein Zimmer anstatt in seins geht. Er sucht aus meiner Plattensammlung meine Lieblingsplatte heraus. Legt sie auf, dreht die Lautstärke so hoch es geht und legt sich mitten in mein Zimmer. So wie wir es manchmal getan haben, wenn einer von uns einen schlechten Tag hatte, meist sind wir eingeschlafen und haben dann am nächsten Tag beide fürchterliche Rückenschmerzen gehabt. So liegt er nun da und als ich mich nach einiger Zeit gefasst habe, lege ich mich dazu. Nach kurzer Zeit bemerke ich, dass er eingeschlafen ist. Auch ich schließe meine Augen. Als ich sie wieder öffne, liegt Alex immer noch schlafend neben mir. Ich stehe auf und gehe langsam durch die Wohnung. So viele Erinnerungen schießen mir durch den Kopf, unsere erste gemeinsame Party, sie war ein Albtraum, eines Abends waren wir so betrunken dass wir so ehrlich zueinander waren, wie wir es noch nie zuvor gewesen waren. Ich habe ihm davon erzählt, wie ich damals in der ersten Klasse einen Jungen geküsst hatte und mir danach geschworen hatte, das nie wieder zu tun, und so ist es bis heute geblieben.

Ein Lächeln huscht über mein Gesicht und ich merke, wie mir eine Träne die Wange herunter rollt. Als Alex am nächsten Morgen aufwacht, sitze ich in der Küche und beobachte ihn, wie er sich ein Kaffee mit Bier macht. Wieder denke ich, das ist mein Alex. Ich denke er hat sich heute freigenommen, da er sich an den Tisch in der Küche setzt. Er sitzt mir genau gegenüber, was er natürlich nicht weiß, ihm steigen Tränen in die Augen und ich bin mir sicher, dass er sich am den gestrigen Tag erinnert.

         

                                                           -2-                                                      

In den nächsten Tagen laufe ich nur durch die Stadt und erinnere mich an schöne Momente, mit jeder Person, die ich mal getroffen habe. Bis ich am Friedhof bin und beschließe, ihn zu betreten. Am Dienstag in der nächsten Woche wird meine Beerdigung sein, das weiß ich, aber ich weiß nicht, was für einen Grabstein oder Platz meine Eltern ausgesucht haben. Ich lasse mich aber gerne überraschen.

Heute ist es so weit. Heute ist meine Beerdigung. Ich sitze schon die ganze Nacht auf einer Bank und warte. Jedoch weiß ich nicht genau, auf was ich warte. Irgendwann sehe ich eine Menge Autos am Straßenrand stehen.

Langsam gehe ich zu der kleinen trauernden Gruppe und sehe gerade noch, wie ein Sarg hinunter gelassen wird.

Mit dem Hinunterlassen des Sarges endet das Leben also, denke ich gerade noch, bevor alles um mich herum schwarz wird.

Von Kim Sagkob

 

 

Samtpfote

Es war Winter geworden und alle Kätzchen wollten nicht mehr nach draußen. Genauso wie die Menschen blieben sie lieber im Warmen und starrten von innen in die Natur. Nur eine Katze verließ das sichere Haus, um Spuren im knarzenden Schnee zu hinterlassen: Victoria. Die junge Katze spielte lieber draußen, als ihre Zeit nah beim Kamin zu verbringen und so begab es sich, dass ihre Besitzerin Nico schon mehrmals im verschneiten Wunderland nach der Samtpfote suchen musste.

So auch an diesem Abend. Nico fing an sich Sorgen zu machen. Sie zog ihre dicken Winterstiefel und ihren roten Wollmantel an, wickelte sich ihren molligsten Schal um, seufzte tief und verließ das Haus. Nico stapfte durch den tiefen Schnee und wunderte sich, warum ihre süße, schneeweiße Victoria so gerne im Schnee spazieren ging. Ein schneidender Wind pfiff Nico um die Ohren, sie zog ihre Kapuze über und zog den Schal über Mund und Nase. Beim Gehen machte sie schnalzende Geräusche, die Victoria kannte und, wenn sie gerade in der Stimmung war, darauf hörte. Aber wenn sie keine Lust hatte, reagierte sie natürlich nicht und Nico konnte hier stundenlang bibbernd durch die Gegend laufen. Es zog ein Duft von Braten mit Rotkohl in ihre Nase. Ihr Magen regte sich. Zu Hause warteten nur Stulle mit Käse und Salami auf sie.

„Vikkilein“, schnalz, schnalz. „Schnuffi, wo bist du?“

Instinktiv stapfte Nico Richtung Meer. Auch da lief Victoria öfter hin. Von weitem sah sie den Leuchtturm, dessen Lichter bei diesem Wetter und der Dunkelheit Schiffen den Weg wiesen. Weit und breit war keine Menschen- oder Katzenseele zu sehen.

Nico entschied sich, in Richtung des Leuchtturms weiterzulaufen. Sein helles Licht wanderte durch die Nacht und wies ihr den Weg. Sie kannte den alten Leuchtturmwärter. Kalle war sein Name und bei ihm wohnte ein grau getigerter Kater namens Gandalf. Victoria war schon öfter bei ihm gewesen, wenn Nico sich auf die Suche nach ihr gemacht hatte. Auch diesmal hoffte sie, ihre weiße Katzenfreundin dort anzutreffen. Sie erreichte die eiserne Tür des Leuchtturms und klopfte mit kalten Fingern an die Tür. „Kalle? Hey Kalle, bist du da?“

Etwas ging scheppernd zu Boden und ein leises Fluchen war zu vernehmen. Dann öffnete sich die Tür und der alte Leuchtturmwärter stand vor ihr, mit einigen roten Farbspritzern auf der Hose. „Oh Nico. Ich weiß schon, warum du hier bist. Komm rein.“

Nico bedankte sich erleichtert und trat in die kleine Wohnung ein. Sie musste nicht lange suchen, da fand sie ihre Victoria auf dem mit Farbe beklecksten Boden neben Gandalf. Die beiden sahen sie vollkommen unschuldig an und Gandalf hob seine mit roter Farbe verschmierte Pfote und patschte sie auf das lose Papier auf dem Boden, das ursprünglich wohl mal eine Steuererklärung gewesen war. Victoria knabberte derweil an einigen Pinseln, die von dem kleinen Tisch in der Ecke gefallen waren.

Nico lachte. „Ihr seid ja chaotische Künstler. Die Pinsel werden gegessen und die Farbe verschüttet.“

Die weiße Katze miaute und schnupperte an Gandalfs farbiger Pfote. Nico strich ihr durch das noch saubere Fell.

„Sie stand vor meiner Tür, also habe ich sie reingelassen“, sagte Kalle.

„Ja, die Kleine ist wieder einmal ausgebüxt“ , erwiderte Nico.

„Möchtest du einen Tee?“, fragte Kalle und lächelte sie an.

„Gern.“

Nach dem Gang draußen in der Kälte konnte sie etwas Warmes jetzt gut vertragen. Sie setzten sich zusammen an dein kleinen Küchentisch und genossen ihren warmen Tee.

Von Iana, Frau Bolduan, Ronja und Johanna

 

Hohoho!

Katherine Morgentau schluckte schwer, als sie die Wand vor sich betrachtete. Hohoho! stand dort, geschrieben in Blut. Blöder Weihnachtsscherz, dachte sie  Zwei Forensiker schoben sich an Katherine vorbei in den kleinen Raum. Sie trugen beide weiße Ganzkörperanzüge mit Helm, sodass die FBI-Agentin noch nicht einmal das Geschlecht der beiden Beamten bestimmen konnte. Die Forensiker packten ihre Materialien aus, vorsichtig darauf bedacht, keine Blutlachen auf dem Boden zu verwischen und begannen mit ihrer Arbeit. Katherine drehte sich um, da sie das Szenario nicht länger mit ansehen konnte.

Ihre Partnerin Louise wartete im Wohnzimmer auf sie, da sie Blut nicht gut sehen konnte. Als FBI-Agentin eigentlich fatal, aber so war es eben. Louise hatte bereits begonnen das Familienhaus nach Einbruchsspuren abzusuchen und war ihrem triumphierenden Lächeln nach auch fündig geworden. "Der Typ muss anscheinend durch den Schornstein gekommen sein." Katherine sah Louise ungläubig an. "Schornstein?"

"Ja, ganz klar. Es ist nicht zu übersehen. Scheint mit Absicht so gewesen zu sein. Erinnert ziemlich an den Weihnachtsmann, nicht?"

"Ach, und der Weihnachtsmann ersticht alte Ehepaare?"

"Nein, aber es erinnert mich an einen Fall, von dem ich heute Morgen in der Zeitung gelesen habe."

"Lass hören."

"In allen Großstätten Italiens wurden vor ein paar Wochen Leute von einem Weihnachtsmann erstochen. Zeugenaussagen zufolge trug er das Kostüm während er mordete. Vor zwei Wochen passierte dasselbe in den Niederlanden, jetzt auch in Deutschland. Zwischen den Opfern besteht keinerlei Verbindung, außer dem Ort, an dem man die Opfer fand: in der Kanalisation."

"Ihh. Und woher weiß man, dass er ein Weihnachtsmannkostüm trug?"

"Überwachungskameras."

"Unsere Opfer liegen aber oben im Badezimmer in Spiegelscherben."

"Ja, das passt nicht ins Bild."

"Also, suchen wir jemanden, der schmal und verrückt genug ist, um unbemerkt durch den Schornstein zu passen", fasste Katherine zusammen.

"Aber das kann eigentlich jeder sein." Louise seufzte.

"Ja, also müssen wir die Personen im Umfeld befragen. Super, und das kurz vor Weihnachten."

Genau das taten sie, aber alle Befragten hatten entweder Alibis oder kein Motiv. Das einzige, was sie herausfanden, war, dass das alte Ehepaar wohl einmal den Geburtstag ihres Sohnes vergessen hatte, aber der Sohn war gerade im Urlaub.

Katherine hatte noch nie so viel Kaffee während Befragungen getrunken und es überraschte sie insgeheim immer wieder, dass ihre Partnerin weder Kaffee trank noch keine grauen Haaren bekommen hatte.

Zwei Tage später wurden sie an den nächsten Tatort gerufen und mit einer Literflasche Kaffee unter dem Arm erschien Katherine kurz nach Louise. Auch hier gab es ein totes Ehepaar, das im Badezimmer gefunden wurde. Auch hier war der Mörder durch den Schornstein gekommen. Verdammt, und heute Abend war Heiligabend. Schöne Bescherung! Katherine schaute aus dem Fenster auf die gegenüber liegende Straßenseite. Sie konnte es kaum glauben. Da stieg doch der Weihnachtsmann in voller Montur  - weißer Bart, roter Mantel, schwarzer Gürtel auf dem Dach herum und ließ sich jetzt den Schornstein hinab. Super, dachte sie, den erwischen wir in flagranti, den Deppen.

Als sie das Haus gestürmt hatten und den Weihnachtsmann stellten, guckte dieser etwas dumm unter seiner Mütze hervor. Katherine griff danach und wollte sie ihm abziehen, aber die Mütze war fest an den Haaren und sie bekam sie nicht ab. Dann zog sie an dem langen, weißen Bart. Er war echt. Jetzt guckten Katherine und Louise dumm aus der Wäsche. "Ziehen Sie dieses blöde Kostüm aus," rief Louise verärgert.

"Wieso Kostüm?"

"Mann, verarsch uns nicht", sagte Katherine scharf.

Der Mann guckte sie nur groß an. Louise zog nochmal an Bart, Mütze, Haaren, auch versuchte sie wütend den breiten Gürtel zu öffnen. Nichts. "Ich glaub das jetzt nicht."

"Ich hab da was für Sie," meinte der Mann und griff in den Sack, der neben ihm stand. Er zog eine zwei Liter Thermosflasche hervor und überreichte sie Katherine. Louise bekam ein Buch mit dem Titel Nicht immer gleich ausrasten.

Die beiden Frauen starrten sich fassungslos an. Louise platzte der Kragen und sie schrie den Mann an, er solle gefälligst mit dem bescheuerten Spiel aufhören und sich das alberne Kostüm ausziehen und überhaupt, für wen er sich denn hielte.

"Erstens", antworte der Mann, "lesen Sie lieber mal das Buch, zweitens, das ist kein Spiel, drittens, ich kann mich nicht ausziehen und viertens, wie man wohl eindeutig sehen kann, bin ich der Osterhase und trage Geschenke aus, weil morgen Ostern ist."

"Verdammter Mist, der Weihnachtsmann leidet an Schizophrenie", meinte Katherine und legte ihm die Handschellen an.  

Von Maïthé, Alina, Iana, Frau Bolduan

 

Für dich in Flammen

Alpina schlüpfte in ihre Stiefel und zog ihre Winterjacke über. Dann wickelte sie ihren bunt gepunkteten Schal um den Hals, setzte ihre graue Bommelmütze auf den Kopf und begab sich nach draußen. Gestern hatte es wieder einige Zentimeter geschneit und bei jedem Schritt knarzte es unter Alpinas Füßen, als sie die Auffahrt verließ und ihren Weg auf dem Bürgersteig in Richtung Stadtmitte fortsetzte. Kleine Wölkchen bildeten sich vor ihrem Mund und das Mädchen zog sich die Mütze noch tiefer ins Gesicht. Alpina mochte den Winter, den Schnee und die eisige Kälte sehr gerne. Es war so viel stiller und friedlicher als sonst. Auf dem Bürgersteig vor ihr waren verschiedene Fußspuren zu sehen, ein paar große und ein paar sehr kleine. Vielleicht ein Vater mit seiner Tochter, die zusammen zum See liefen. Vielleicht wollte er ihr Schlittschuh fahren beibringen, so wie Alpinas Vater es mit ihr vor vielen Jahren gemacht hatte. Seit ihr Vater weg war, ist sie nie wieder Schlittschuh gefahren. Das letzte Mal, dass sie ihren Vater sah, war am Hafen. Es war auch damals Winter und sie hatten sich an den Pier gesetzt und das Geschehen beobachtet.

Winzige, weiße Flocken landeten auf Alpinas Nase. Sie machte sich auf den Weg zum Hafen. Es war nicht weit und sie wusste, dass sie dort am besten in ihren Erinnerungen schwelgen konnte. Sie lief durch den verschneiten Hafen, als sie einen Jungen sah. Er mochte etwa in ihrem Alter sein, Mütze und Schal verdeckten fast sein ganzes Gesicht. Er war soeben gestolpert und hatte sich ziemlich auf die Nase gelegt. Sie bückte sich zu ihm herunter. „Nick?“ fragte sie erstaunt. Nick war in der Grundschule ihr bester Freund gewesen, bis seine Eltern ihn auf ein schwedisches Internat schickten. 

Es verblüffte sie, dass sie ihn wiedererkannt hatte. „Oh hallo Alpina...“, grinste Nick.

Er richtete sich auf und klopfte sich den Mantel ab.

„Seit wann bist du wieder hier und weshalb und wie lange...?“ Alpina überschlug sich fast vor Fragen. Er lächelte. „Ich bin nur für die Winterferien hier und erst seit zwei Tagen.“

 „Bist du in den Ferien nicht immer im Internat geblieben?“, hakte Alpina nach.

„Ja – bis es abgebrannt ist.“ Sein Grinsen wurde noch etwas breiter.

„Wie konnte das denn passieren? Ich meine, die Feuerwehr muss doch gekommen sein und...“

„Das Internat liegt ziemlich weit auf dem Land und nach einem großen Sturm in der Nacht zuvor waren die meisten Straßen mit umgefallenen Bäumen blockiert.“ Alpina schwieg. Was sollte sie darauf antworten? Sie war glücklich, dass Nick heute hier war, aber ein schönes Ereignis war der Brand trotzdem nicht. Die Schneeflocken verdichteten sich. Alpina bekam eine rote Nase. Sie liebte den Winter, doch ihre Nase hasste die Kälte. „Und was hast du noch so vor?“

Nick vergrub seine behandschuhten Hände in den tiefen Taschen seiner Jacke und beobachtete die Schneeflocken, wie sie leise vom grauen Himmel fielen. „Ich sollte noch bei meiner Tante im Gewächshaus vorbei schauen. Sie wollte noch ein paar Bonsaibäumchen pflanzen gehen!“

Nick ergriff ihre Hand und zog sie mit sich. „Komm, es ist gleich da hinten. Sie hat das neue große Gewächshaus am Hafen errichtet. Es gab auch schon die ersten Besucher und jetzt arbeitet sie an einem asiatischen Teil ihrer Ausstellung.“ Alpina lachte. Sie freute sich über die Zeit mit ihrem alten Freund, doch der Grund, warum er hier war, beunruhigte sie noch etwas.

„Nick, warum ist das Internat abgebrannt?“, fragte sie ihn irgendwann, als sie schließlich zusammen winzige Bonsaibäumchen in feuchte, dunkle Erde setzten. Er hob den Kopf und sah ihr entgegen.

„Naja,... es... klingt wahrscheinlich etwas verrückt, aber... ich habe die Küche angezündet. Ich musste irgendwas tun um wieder hierher zu kommen und...“

„Du hast was?“, unterbrach Alpina ihn fassungslos. Nick fasste sie rasch bei den Schultern. „Nein, warte bevor du mich ausschimpfst. Ich wollte hierher um dich wiederzusehen. Ehrlich gesagt... ich hab dich vermisst. Die ganze Zeit.“

Alpina war sprachlos und wurde rot. „Aber... du kannst doch nicht... nicht meinetwegen... Ist jemand zu Schaden gekommen?“, stammelte Alpina.

„Nein, das komplette Internat hat einen Ausflug gemacht... ich habe so getan als sei ich krank und bin dann mit einer Betreuerin dort geblieben.

Irgendwann habe ich mich dann aus meinem Zimmer geschlichen und...“

„Und hast das Feuer gelegt“, beendete Alpina seinen Satz.

„Ja“, antwortete Nick etwas schuldbewusst.

Alpina konnte es immer noch nicht ganz fassen, was er für sie getan hatte, doch irgendwie war sie auch ein wenig geschmeichelt. Sie schaute Nick tief in die Augen und sie mochte seine Nähe sehr. Plötzlich beugte sie sich zu ihm herüber und gab ihm einen kleinen Kuss auf die Wange.

Sein Kopf wurde rot und er lächelte sie verlegen an. So saßen sie noch einige Zeit dort zwischen Erde und kleinen Bonsaibäumchen und genossen die Zeit miteinander.

Von Alina, Ronja, Johanna, Maïthé

 

Rosamunde und ihr edler Ritter

Er schritt langsam auf sie zu und sie spürte, wir ihr das Blut in den Kopf schoss…

Vollkommen vertieft in ihr Buch baumelte Milly Smith mit den Beinen in der Luft. Ihre Augen wanderten hektisch hin und her, während sie die Zeilen förmlich in sich aufsog. Ihre bleichen Hände zitterten vor Spannung und umklammerten das Buch mit dem roten Einband und den alten, vergilbten Seiten. Milly fiel immer wieder eine lange, dunkelblonde Strähne ins Gesicht, die sie sich hastig hinters Ohr strich. Eigentlich war es in ihrer kurzen Schuluniform viel zu kalt und ihre Wangen erröteten vor Kälte, doch sie bemerkte den eisigen Wind kaum. Ihre Gedanken folgten den magischen Zeilen, den schwarzen Buchstaben auf dem alten, herrlich duftenden Papier und diese beschrieben eine klare Sommernacht am Strand bei einem lauen Lüftchen. Der eisige Wind, der an ihren Haaren riss, fühlte sich wie der laue Abendwind an und das schrille Pfeifen der Hausmauern wie das sanfte Rauschen des Meeres. Milly war vollkommen verschwunden, abgetaucht in das rote, samtene Buch in ihren bleichen Händen, dass sie alles um sich herum vergaß und die reale Welt sich mit den Seiten des Romans vermischten.

Er nahm Rosamundes Hände und zog sie dicht an sich heran. Sie genoss den Moment und schloss ihre Augen. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Haut, als seine Lippen sich ihr näherten. Auf diesen Moment hatte Rosamunde ihr ganzes Leben gewartet. Dann küsste er sie behutsam auf ihre rosigen Lippen und sie vergaß für einen Moment alles um sich herum…

Sie klappte das Buch zu. Wie sehr wünschte sie sich doch von Jasper geküsst zu werden. Wie fühlte es sich wohl an mit ihm?

Während sie so vor sich hin träumte, schlenderte eine weitere Person auf dem Henkersplatz umher. Doch Milly war immer noch zu sehr in ihre Gedanken und Träume vertieft und bemerkte die Person vorerst nicht. Die Person hatte sie nun bemerkt und ging langsam auf Milly zu.

„Na, auch noch so spät unterwegs?“, kam es nun von einer Stimme, die Milly aus ihren Gedanken riss. Da stand Jasper Stone,  als wäre er gerade aus ihren Gedanken gesprungen, nun in voller Größe vor ihr und lächelte sie freundlich an.

„J-Ja“ ,bestätigte Milly mit einem eifrigen Nicken. Sie brauchte ihn nur anzusehen, sein wunderbares Lächeln mit den Augen einzufangen, und schon stieg ihr die Röte ins Gesicht. Sie hatte nur die Hoffnung, dass er denken würde, dies sei ihre normale Hautfarbe. Jasper hingegen beäugte nun ihr Buch belustigt. „ Wie immer die Nase in einem Buch, wie ich sehe.“ Er grinste und schaute auf das zierliche Mädchen.

„Natürlich“, bestätigte ihre Zunge. Sie hätte sich ohrfeigen können. Immer wenn sie mit Jasper war, gab sie nur unintelligente Sachen von sich. Er war der Einzige, der es schaffte, ihr das anzutun.

„Was liest du denn da?“

Milly stand auf und machte ein paar Schritte. Jasper folgte ihr und sie liefen nebeneinander durch die Straßen.

„Rosamunde und ihr edler Ritter", antwortete sie schließlich.

Er verzog den Mund und schaute sich unauffällig um. Sie waren in den Park abgebogen. In dessen Zentrum thronte eine Statue zwei ineinander verschlungener Personen. Sofort projizierte ihr Gehirn Millys und Jaspers Gesichter auf die Menschen. Jasper hatte angefangen von Fußball und Rugby zu fachsimpeln, als ihre Zunge sich wieder verselbstständigte. „Weißt du wie es ist, jemanden zu küssen?“

Ihr Blick war starr auf die Statue gerichtet, während sie innerlich ein Schreisolo durchführte. Wie konnte sie nur so etwas fragen?

„Naja, nicht wirklich“, sagte Jasper nach kurzem Überlegen und sah sie schief an.

„Echt nicht?“ , fragte Milly überrascht. „Nein“, sagte er errötend. „Weil die einzige Person, die ich küssen würde, immer damit beschäftigt ist, ihre Nase in Bücher zu stecken.“

„Was…?“ , hauchte Milly und starrte ihn an.

„Hm, ja…“ Jasper legte seinen Kopf verlegen schief. „Und du so?“

„Ich…ich hab…noch nie…ähm...“

Milly hatte spontan das Bedürfnis sich hinzusetzen.

„Würdest du…vielleicht…ähm…“, stotterte Jasper. Mit großen Augen sah sie ihn an und nickte langsam. Er grinste verlegen und stellte sich vor sie, dann nahm er ihre Hand. Die Welt verschwamm vor Millys Augen, als ihre Gesichter sich näherten. Dann schloss sie ihre Augen und ihre Lippen trafen auf seine. Sie spürte, wie er seine Arme um sie legte.

Von Ronja, Johanna, Iana und Maïthé

 

Bis deine Schwester uns scheidet

Yaru schlenderte den schmalen Kieselweg entlang. Seine Hände hatte er tief in seinen Hosentaschen vergraben. Die Sonne lag schon tief und nur noch ein paar Strahlen erreichten den leeren Dorfplatz. Der kalte Wind zog an ihm vorbei und er beschleunigte seinen Gang. Yaru wollte seinen Kopf frei bekommen und einen Spaziergang zu dem Haus machen.

Vorsichtig umfassten seine großen Hände den angerosteten Türknauf und das alte Haus begrüßte ihn mit einem sterbenden Knatschen. Seine Beine führten ihn den bekannten Gang die Treppen hinauf und er blieb schließlich am alten Fenster des Dachbodens stehen. Dieses Fenster. Dieser Dachboden. Dieses Haus. Es war seine Vergangenheit, Gegenwart und, er hoffte, seine Zukunft. Der Blick in die Natur, wenn er die Beine über die Fensterbank schwang, ließ Yaru automatisch entspannen. Er hatte alle möglichen Naturschauspiele aus diesem Fenster beobachtet. Aber eine Sache war immer gleich gewesen: Sie hatte neben ihm gesessen. Seit er sich erinnern konnte, hatten sie auf diesem Dachboden gespielt und aus dem Fenster geschaut. Aber seit ein paar Wochen war sie verschwunden. Jetzt war der Platz neben ihm leer. Und alles war seine Schuld. Hätte er doch bloß seinen Mund gehalten. Dann wäre er jetzt nicht a...

"Hallo, ist da jemand?" Eine zarte Stimme durchschnitt seine Gedanken. Er fiel beinahe aus dem Fenster vor Schreck. Die zaghaften Schritte einer Person waren auf der Treppe zu hören. Sollte er sich melden? Wieso kam jemand zu dem alten Haus?

Ein blonder Schopf erschien am Rande des Bodens. Sein Herz knackste laut; irgendwas in ihm hatte gehofft, den roten Schopf seiner Freundin zu erhaschen. Er wurde wütend. Hatte man denn nirgends Ruhe? Überhaupt, wie konnte sie es wagen, den für ihn heiligen Ort zu betreten? Dieser Ort, der mehr schöne Erinnerungen atmete, als sein jetziges Zuhause? Das Mädchen kletterte die letzten Stufen herauf und setzte sich langsam auf den Treppenabsatz. Beide beäugten sich misstrauisch.

"Wer bist du?, fragte das blonde Mädchen.

"Geht dich nichts an. Was machst du hier?"

"Geht dich nichts an", erwiderte das Mädchen.

Sie stand auf und setzte sich neben Yaru. Er rückte zur Seite.

"Mein Name ist Nuki", sagt sie nach einer Weile.

Ihre blonden Haare fielen ihr in leichten Wellen über die Schulter und rahmten ihr sommersprossiges Gesicht ein. Nuki hatte smaragdgrüne Augen, so wie seine Freundin sie gehabt hatte. Diese Augen lösten seine Zunge. "Ich bin Yaru, ich habe früher hier gelebt."

"Du bist Yaru?" Nuki riss erstaunt ihre hübschen Augen auf. Sie legte ihre Hand an sein Kinn und drehte es sanft hin und her. "Alice hat mir von dir erzählt." Alice? Seine Alice? Yaru begann zu zittern und packte Nuki an ihrer Schulter. "Du hast sie gesehen? Wo ist sie? Was ist passiert? Wie geht es ihr?" Yaru brach der Schweiß aus.

"Es geht ihr gut", hauchte Nuki und Yaru war der Überzeugung , dass ihre Stimme wie die von Alice klang. "Sie ist meine Schwester."

"WAS?"

"Ja, sie ist mit mir hier. Sie müsste gleich..."

Yaru sprang auf und die Treppe hinab. Da war sie."Alice!" Sie lächelte ihn an. "Alice, wo warst du?" 

"Ich war bei meiner Schwester. Sie hatte mich für ein paar Tage besucht, aber sie hatte ihre Sense vergessen und die mussten wir holen. Ich konnte dir so schnell nicht Bescheid geben."

Plötzlich klickte es bei Yaru. "DIE Schwester?"

Alice hatte ihm schon oft von ihrer Schwester erzählt, aber er hätte nicht gedacht, dass sie so menschlich aussähe. Nein, wie der Tod sah sie nicht aus. Eine wahrlich hübsche Sensenfrau... Nuki grinste ihn an, als ob sie seine Gedanken lesen könnte. Alice schmiegte sich an Yuri und gab ihm einen Kuss. Er nahm sie in seine Arme und seufzte. Dann drehte er sich ruckartig zu Nuki um."Aber ihr seid nicht gekommen, um mich zu holen?"

Nuki lächelte. "Nein, keine Sorge, noch nicht".

Und so lebten Yaru und Alice viele Jahre glücklich bis Nuki sie fortnahm in das Totenreich.

Von Iana, Maïthé Alina   

 

Eine Tafel Schokolade, weiß mit ganzen Mandeln

Serafin Dunkelgrau war die Älteste der Alten der ganzen Stadt. Ihr Haar war schneeweiß und Falten zierten ihre Haut wie verschlungene Ornamente. Sie hatte eine kleine Stupsnase, schmale Lippen und dunkle grüne Augen. Serafin arbeitete in dem kleinen Obstladen an der Ecke. Es wäre schon vor einigen Jahren an der Zeit gewesen in Rente zu gehen, doch sie wollte nicht. Sie brauchte einen Sinn in ihrem Leben, und frisches Obst zu verkaufen war das Mindeste. Serafin trug ausschließlich Kleider. Eng geschnitten, blass wie ihre Haut und meist einfarbig. Dazu jeden Tag denselben khakifarbenen Schal. Es war oft kalt im Laden. Einen wirklichen Grund gab es dafür nicht. In der Ecke stand zwar eine funktionstüchtige Heizung, doch geheizt wurde nie. Außerdem buk Serafin die schrecklichsten Obstkuchen der Stadt. Das Obst war lecker, der Kuchen...eher weniger. Trocken, krümelig und steinhart. Sie standen als Gratiskostprobe auf dem Tresen, wurden jedoch kaum angerührt. Eines Tages, als mal wieder nicht viel im Laden los war, beschloss Serafin einen kleinen Spaziergang zu machen. Sie musste sich die Beine vertreten und brauchte etwas Zeit für sich. Sie schritt an den vielen kleinen Gassen entlang, warf kurze Blicke in die anderen Läden, bis sich die Häuserreihen lichteten und Serafin sich auf der Brücke wiederfand. Die Brücke verband die beiden Stadtteile von Maburg miteinander und führte über den breiten Fluss, der sich emsig seinen Weg durch das Land bahnte. Serafin war an dem steinernen Geländer stehen geblieben und sah hinunter auf den ruhig dahin strömenden Fluss. Eigentlich hatte sie etwas nachdenken wollen, da sie vorhin eine merkwürdige Begegnung im Laden hatte. Doch nun schienen ihre Gedanken mit dem dunklen trüben Wasser davon zu fließen.

„Guten Tag.“

Serafin zuckte etwas zusammen und löste sich aus ihrer Starre. Überrascht blinzelnd blickte sie dem alten Mann entgegen, der plötzlich neben ihr stand. Er trug einen grauen Mantel und einen dunkelgrünen Hut, an dem eine gescheckte Feder steckte. Freundliche alte Augen erwiderten ihren verwirrten Blick.

„Ich hatte vorhin doch gesagt, ich würde nochmal wiederkommen, doch da waren Sie plötzlich nicht mehr da“, meinte der Herr und kam ein paar Schritte näher. Serafin lächelte verlegen und erkannte ihn. Ihre merkwürdige Begegnung. Der alte Freund aus Kindertagen, der sie noch nicht erkannt hatte. Jonathan Tannengrün. Ihre erste Jugendliebe.

„Ah natürlich. Tut mir leid, ich hatte sie ganz vergessen“, antwortete Serafin und versuchte ihre aufsteigende Nervosität zu unterdrücken. Der Herr lächelte nur und lehnte sich neben sie ans steinerne Geländer.

„Sie wirken ein wenig verkrampft. Ist alles in Ordnung? Kann ich ihnen helfen?“

Serafin lachte verlegen.

„Eigentlich sollte ich ihnen doch helfen. Schließlich wollten Sie doch eigentlich etwas aus meinem Laden haben, oder?“

Der Herr lachte und nickte.

„Ja und Nein. Ich wollte auch zu Ihnen.“

„Ach wirklich?“, murmelte Serafin und knetete nervös ihre Hände.

„Ich weiß zwar nicht ob sie es bemerkt haben, aber ich war schon öfter bei Ihnen“, fing er an.

„Es tut mir leid, aber...“ Serafin wusste nicht wie sie den Satz beenden sollte. Sie dachte an die alten Zeiten. Damals hatte er so gut ausgesehen mit seinen kurzen blonden Haaren, dachte sie.

„Der Grund, warum ich zu Ihnen wollte, war...“ Er brach mitten im Satz ab und kramte in seiner Tasche herum.

„Ich habe etwas für sie“, sagte er und reichte ihr eine Tafel Schokolade mit einem kleinen, verkrumpelten Zettel daran. Sie nahm das Geschenk vorsichtig an und öffnete langsam den kleinen Zettel. Willst du mit mir gehen? Ja - Nein stand in großer Schrift auf dem Zettel und in dem Kästchen bei Ja war ein Kreuz gesetzt. Bei dem Zettel war dann noch ihre Lieblingsschokolade, weiß und mit ganzen Mandeln.

„Woher...?“, stammelte Serafin. Doch dann fiel ihr der Zettel wieder ein. Damals, in der achten Klasse hatte sie genau so einen Zettel an Jonathan gegeben, doch sie hatte nie einen Antwort bekommen. Serafins Lächeln zuckte nervös. War das ein Traum? Eine Halluzination? Karma? Rot anlaufend strich sie über den verkrumpelten Zettel. Plötzlich fühlte sie eine weiche Hand ihren Finger berühren.

„Tanne“, murmelte sie den alten Spitznamen, den sie ihm verpasst hatte. Instinktiv griff sie nach der rauen Hand. Sie fühlte sich so vertraut an. Erinnerungen aus vergangenen Jahren spielten sich in ihrem Kopf wie eine alte Diashow ab, während sie sich immer näher kamen.

„Es tut mir so leid, Fini. Ich hätte mir nie verzeihen können, wenn ich ihn dir nicht zurückgegeben hätte. Ich liebe dich.“

Von Alina, Ronja, Johanna, Iana

 

Flammentanz

Es war eine tiefschwarze Nacht. Carlo saß in der Mitte der Lichtung, in seinen Händen eine kleine Kerze. Die Bäume knarrten im stürmischen Winterwind und Carlo fröstelte. Er trug nur T-Shirt und Jeans, weder Schuhe noch Socken. Er biss sich auf die Lippen. Ihm würde schon noch warm werden. Tatsächlich sah er schon wenige Minuten später den hellen roten Schein. Der Wald brannte lichterloh. Es hatte lange gedauert bis Carlo und Mariah den Spiritus im ganzen Wald verteilt hatten, aber es wirkte. In der Ferne tanzten wild die Flammen, und kamen stetig näher. Er lachte bis er den Schrei hörte. Ein heller Mädchenschrei. Mariahs Schrei. Ganz sicher. Sie sollte nicht schreien, noch nicht jetzt. Carlo sprang auf und hetzte los. Das Gleißen des Waldes blendete ihn. Und Tannen, die den Tanz mit dem Feuer nicht mehr aushielten, fielen ihm in den Weg. Der Rauch ließ seine Augen tränen und doch schien ihm das egal. Mariah. Er brauchte sie doch noch! Der Schrei wurde lauter, beinahe hysterisch. Er konnte nicht zulassen, dass sie verbrannte. Sie stand da, eine Mixtur aus Lachen und Schreien in einem Kleid aus Flammen. Sie tanzte, lachte, weinte und doch wurde ihre weißliche Haut nicht schwarz. Es  sah eher so aus, als wäre sie das Feuer selbst. Ihre Augen, die normalerweise ein trübsinniges Braun waren, erstrahlten in einem irren Lila. Sie lächelte, kreischte, fauchte in einer Stimme, die nur entfernt an ihre melodische erinnerte. In ihren Händen hielt sie ihr Tagebuch umklammert. Sie liebte es heiß und innig. Wo immer sie war, hatte sie es bei sich. Was tat sie inmitten der Flammen?

„Mariah, komm aus den Flammen!“, schrie Carlo.

Sie lächelte ihn weiter an und schüttelte den Kopf.

„Carlo, komm zu mir, mein Geliebter“, rief sie ihm zu und streckte die Hand nach ihm aus.

Die Flammen des Waldes züngelten immer dichter zu Carlo heran. Die Hitze wurde unerträglich. Sein T-Shirt klebte schon an seinem Körper. Er hatte keine Wahl, entweder er floh jetzt so schnell wie möglich aus dem Wald oder er würde verbrennen. Carlo wollte sich umdrehen und wegrennen, aber es ging nicht. Er kam nicht vom Fleck. Wie festgetackert stand er da. Mariah lächelte ihn weiter an. Ihre lila Augen versprühten Funken. Er konnte seine Augen nicht von ihr wenden. Er hatte das Gefühl, er würde in einen Sog aus Lila, Hitze und Feuerzungen gezogen.

„Komm Carlo, mein Geliebter, komm zu mir. Wir müssen aus dieser Welt in die meine, richtige Welt. Das Tagebuch weist uns den Weg.“

Carlo versuchte sich gegen diesen Bann zu wehren, aber je heißer es um ihn wurde, desto mehr schmolz sein Widerstand. Er spürte wie er schweißnass einen Schritt vor den anderen setzte, auf Mariah zu. Sie streckte ihre Hand aus, die langsam in züngelnden Flammen zu enden schien. Carlo konnte sich nicht wehren, eine ihm unbekannte Macht, ein starker, heißer Sog zog in zu Mariah hin und riss ihn aus der echten Welt heraus. Mariahs Gestalt verzerrte sich mit jedem Schritt mehr und das Tagebuch in ihrem Arm brannte lichterloh.

„Mariah...“

„Sag nichts Carlo. Komm mit mir“, wisperte Mariah mit einer unheimlich hallenden Stimme und schließlich fasste sie seine Hand. Laut kreischend gingen beide in einer gigantischen Feuersäule unter, die in alle Richtungen ausschlug. Sie erhellte die eisige Nacht und stieg zum grauen Himmel hinauf. Carlos´ und Mariahs Schreie hallten durch die Nacht. Ganz plötzlich erloschen das Feuer und die Schreie und nur ein verkohltes Tagebuch blieb in der glühenden Asche zurück.

 Von Alina, Iana, Frau Bolduan, Ronja

 

Nur Kekse habe ich vermisst

Tonia schnaufte frustriert, während sie das alte Sofa von der einen in die andere Ecke des Zimmers schob. „Ehrlich Omi, warum kannst du nicht einfach mal ausmisten?“ Besagte Oma lächelte selig. „Das sagt dein Vater auch immer.“

„Da hat er ausnahmsweise einmal recht“, stöhnte Tonia.

„Rational gesehen, ja...“, entgegnete Oma Anna.

„Und praktisch gesehen aber auch“, jammerte die Jüngere, während sie eine Kiste voller alter Kleidung beiseite räumte.

„Aber Gefühle waren noch nie seine Stärke“, seufzte die alte Dame und schob eine verblasste Locke aus ihrem schmalen Gesicht.

"Ich finde, jetzt ist es mal wieder Zeit für eine Geschichte von dir, Omi", meinte Tonia und warf sich auf das eben verschobene Sofa. Anna lächelte, als sie sah, wie sich ihre Enkelin erwartungsvoll mit Kissen ein gemütliches Lager errichtete und dann einladend neben sich auf das antike Möbelstück setzte. Anna hatte immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde und als sie jetzt ihre Enkelin ansah, war sie sich auf einmal sicher, dass sie bereit dazu war.

„Dein Großvater war in seiner Jugend ein wahrer Engel“, begann Anna lächelnd. Ihre Enkelin quietsche entzückt. „So lange kennst du ihr schon?“

„Naja, könnte man schon sagen. Jedenfalls haben wir uns kennengelernt, nachdem ich einen schlimmen Autounfall hatte. Damals gab es noch nicht so viele Autos wie heute, weißt du? Nur wohlhabendere Leute konnten sich eines leisten. Ich bin damals mit meiner besten Freundin Rosie spazieren gegangen, als dieses Auto von der Fahrbahn abkam und uns beide erfasste. Wir waren damals nur ein paar Jahre älter als du.“

„Oh nein!“ Ihre Enkelin schaute sie erschrocken an. „Ist euch etwas passiert?“

„Ja, wir wurden beide sehr schwer verletzt und... ich bin in ein Koma gefallen.“ „WAS?“ Tonia schrie entsetzt auf.

„Glaubst du an den Himmel, Liebes?“, fragte Anna.

„Ich glaube schon.“

„Als ich in diesem Koma war, war ich nicht mehr auf dieser Welt. Ich glaube, ich war im Himmel. Nur die Maschinen haben meinen Körper noch hier gehalten.“ Tonia schaute ihre Großmutter mit großen Augen an.

„Es war nicht weiß und auch nicht wolkig dort, nein. Die Seelen der Menschen schwebten an dünnen Fäden in hellgrünen durchsichtigen Blasen über dem Ort, an dem sie ihr Leben verlassen haben. Aber ich war ja nicht richtig tot und irgendwie konnte ich deshalb von Blase zu Blase schweben. Meine Seele war frei. Und dann entdeckte ich, dass ich nicht allein zwischen diesen Blasen verweilte. Da war noch eine andere Seele - die des Autofahrers. Auch er lag im Koma. Wie sich herausstellte, lag sein Körper in einem Bett neben meinem. Als er mich das erste Mal sah, sagte er: „Hallo.“ Tonia betrachtete ihre Oma nachdenklich.

„Nicht sehr romantisch, oder?“

„Doch, irgendwie schon. Sein Tonfall war warm und weich. Und da wir nicht wie die Toten an Fäden gebunden waren, konnte er sich von seiner Blase abstoßen und zu meiner schweben. Etwas tollpatschig vielleicht, aber Fliegen ist schwerer als du denkst. Und dann saßen wir dort ein paar Tage auf den Blasen, haben geredet und der Sonne dabei zugesehen wie sie auf- und unterging.“

Großmutter und Enkelin schwiegen kurz. „Was ist mit Rosie passiert?“, fragte Toni. Anna wandte kurz den Kopf ab, ehe sie weitersprach. „Sie ist bei dem Unfall gestorben, aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich das noch nicht. Es war wunderschön dort, Tonia. Nur Kekse habe ich vermisst.“ Tonia sah ihre Großmutter skeptisch an, als sie weiter redete. „Das waren die Tage, in denen ich mich verliebte, es war ja genug Zeit. Man musste nicht schlafen oder essen. Es war ruhig. Vielleicht etwas merkwürdig, da ich manchmal das Gefühl hatte, die Toten würden uns aus den Blasen beobachten. Aber das war in diesem Moment nicht wichtig.“

Anna legte eine weitere kurze Pause ein, ehe sie weitererzählte. „Eines Abends saßen wir jedenfalls auf einer der Blasen. Nebeneinander. Er hatte den Arm um mich gelegt und die Sonne ging gerade unter. „Meinst du, es wird jemals wieder normal?“, fragte ich ihn. Er beugte sich zu mir und flüsterte: „ Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Es würde doch weniger Zeit mit dir bedeuten und hier haben wir die Unendlichkeit...“ „Das ist aber sehr kitschig von ihm“, meinte Tonia. Anna lächelte. „Aber es war wirksam. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich nicht nur meinen Tod, sondern auch mein Leben mit ihm verbringen wollte. Dieser Moment hat uns beide gerettet. Ich spürte auf einmal einen starken Sog, der mich von den Blasen zog. Er wollte mich festhalten, doch ich ließ ihm eine Kusshand zufliegen und rief: „Wir sehen uns auf der anderen Seite, versprochen. Mein Gesicht wird das erste sein, was du erblicken wirst.“

Tonia starrte sie an „Und dann bist du aufgewacht?“

„Ja. Und das erste, was ich getan habe, war, mit schwachen Beinen von meinem Bett zu springen und zu seinem zu laufen, was ja zum Glück neben meinem stand. Seine Augen waren noch geschlossen und die vielen Maschinen im Hintergrund piepten laut. Ich beugte mich vor, küsste ihn und flüsterte: „ Wach auf, mein Lieber.“ Es dauerte ein paar Sekunden, aber dann öffnete er seine Augen und lächelte mich an. Wir fielen uns in die Arme. Nachdem wir beide entlassen wurden, sind wir zusammen gezogen, hier in dieses Haus.“

Tonia schnappte nach Luft: „War er etwa...?“

„Ja Tonia, das war dein Opa.“


 Von Ronja, Alina, Maïthé, Iana

 

Aktuelles

Informationsveranstaltung für die 4. Klassen der Grundschulen - Folien

Hier finden Sie die Informationen der Veranstaltung vom 19.11.2018 pdfKGS Info4-2018-2019.pdf

 

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